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um einen offenen und unverstellten Blick in die Zukunft zu wagen

Österreichischer Künstler

Die Ausstellung „With View to the Sea“ im Museum der westlichen und orientalischen Kunst in Odesa hat für ein Monat Positionen ukrainischer und österreichischer KünstlerInnen die in Wien leben an einem besonderen Ort zusammengeführt.

Das Thema der Ausstellung hatte zweierlei Zielsetzungen: Zum einen Begriffe wie Haus, Wurzel, Heimat, die oft in einen folkloristischen oder nationalistischen Zusammenhang gebraucht werden, das Bild einer bedingungs- und grenzenlosen Gastlichkeit gegenüberzustellen. Zum anderen sollte die Kunst, da sie sich schon immer nationalen Bestimmungen entzieht, als ein Ausweg angeboten werden, um einen offenen und unverstellten Blick in die Zukunft zu wagen.

Die ukrainische Realität und Geschichte bildete für alle KünstlerInnen den Ausgangspunkt für ihre Arbeiten. So kann man von fast allen Werken in der Ausstellung behaupten, dass sie eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit und eine Erweiterung des Raumes anstrebten: Elena Kristofors Installation „Auf der Suche nach dem Aussen“ bedeckte den Boden und die Wände des ersten Ausstellungsraums mit verschiedenen Elementen aus Folien und bearbeiteten Fotos. Ihre Arbeit war vielleicht der utopischste Beitrag, denn sie lud uns in einen offenen Raum mit Fragmenten von Werken ein, die eine Art neue Zukunft schaffen und mit Trugbildern Nähe und Distanz suggerieren.

Im selben Raum befand sich auf einer großen Videoprojektion die Arbeit „de-facto“ von Ekaterina Shapiro-Obermair, die sie 2016–17 in Zusammenarbeit mit der Historikerin Alexandra Wachter im westukrainischen Lemberg realisierte. Gemeinsam besuchten sie unterschiedliche Gedenkfeiern zu den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, die von verschiedenen Gruppierungen mit oft widersprüchlichen Intentionen initiiert wurden.

Alina Sokolovas Vorschlag „How about the visa-free“, den wir gegenüber auf einem überdimensionalen Banner sehen konnten, entstand aus ihren eigenen biographischen Erfahrungen mit den rigiden EU-Visavorschriften. Das Foto dokumentiert eine Aktion, die 2017 an der slowakisch-ukrainischen Grenze stattfand. Neben dem Monument der Befreiung der Ukraine durch die Sowjetarmee lies die Künstlerin ein Spruchband mit dem Titel der Arbeit mittels Luftballons die Grenze passieren.

Die Auseinandersetzung mit dem sowjetischen Erbe ist auch Teil der Videoarbeit „Leninopad“ von Anna Jermolaewa, die im zweiten Raum zu sehen war. Jermolaewa machte sich in der ost-ukrainischen Provinz auf die Suche nach Spuren im Zuge der Wende gestürzter Lenin-Denkmäler. Ihr persönliches Gespräch mit den Zeugen der Demontage zeigt den fragilen Moment des Transformationsprozesses.

Anastasiya Yarovenko stellte in ihren Arbeiten grundlegende Fragen, was wir als ein Zuhause bezeichnen können: In der Installation „60 Gallons“ reflektiert sie die Situation obdachloser Menschen in Los Angeles und zeigt deren ausgebreitetes Hab und Gut auf Fotografien, die in aufgeblasene Behälter integriert sind.

Die Fotoserie von Anatoliy Babiychuk „The Ukrainian East Village“ konzentriert sich auf die Situation ukrainischer Migranten in New York. Was bleibt und wie tief kann die Verbindung zur eigenen Kultur über Jahre hinweg noch sein? Wie verstehen diese Menschen ihre Identität? Wie wichtig sind ihnen (und ihren Eltern und Kindern) ihre Wurzeln?

Was bedeutet es, sich in eine andere Gesellschaft einzuleben? Mit der Videoarbeit „Odesa“ von Catrin Bolt die wir im ersten Ausstellungsraum an die Decke projiziert haben hofften wir schließlich, in all diese Fragen etwas Leichtigkeit bringen zu können: Vor 8 Jahren in den Morgenstunden ging die Künstlerin betrunken und schwer schwankend die Potemkin-Treppe in Odesa Richtung Meer hinunter. In ihrem Rausch liegt ein gewisser der Trost, nämlich dass wir letztlich alle die gleiche Realität spüren und uns der Blick auf das Meer alle an ein und denselben Ort vereint.

Was uns bleibt ist die schöne Erfahrung, dass fast alle KünstlerInnen nach Odessa kommen konnten, um diesen Moment mit uns zu teilen.